Der Kangal und seine Geschichte

Im Osmanischen Reich hat der Kangal, so wie er heute ist, einen festen historischen Platz. Anfang des 16 Jh. wurde die innere Krise des Osmanisches Reiches allenthalben sichtbar. In dieser Zeit der Anarchie verstärkte sich in Anatolien die Landflucht. Die Landwirtschaft verfiel zusehends und machte einer extensiven Viehwirtschaft Platz, wodurch weite Landstriche versteppten. Die Region um Sivas entwickelte sich zum Mittelpunkt der Kangalzucht - durch die Abgelegenheit der Dörfer blieb die Rasse in den kommenden Jahrhunderten weitgehend von äußeren Einflüssen verschont. Dieser Hund wurde historisch assoziiert mit der Stadt Kangal in der Provinz Sivas. Daher der Name Kangal Hund oder Sivas Kangal.

c. by P. Fuchs

Unter dem volkstümlichen Namen Karabash (Schwarzkopf) wurde der Kangal schon 1592 von H. Grüner in dem Buch "Reise in die Türkei" detailliert beschrieben. Er war ein deutscher Reisender, der kein besonderes Interesse an Hunden hatte. Er schrieb:

"Nach vielen mühevollen Tagen erreichten wir endlich die großen Ebenen. Die Hirten wohnen hier in Zelten und haben keine Häuser. Diese Hirten sind dunkelhäutig mit langem lockigen Haar. Ihre Schafe sind arme Kreaturen ohne jegliches Fett. Sie werden bewacht von großartigen, scharfen Hunden, so groß wie Esel. Sie beschützen die Schafe Tag und Nacht gegen Wölfe und Bären. Diese Hunde tragen ein eisernes Halsband mit nach außen gerichteten Stacheln, das sie vor Wolfszähnen schützen. Die Hirten würden viel eher ihre Frauen verkaufen als ihre Hunde. Wir waren viele Tage unterwegs. Um die Lagerfeuer wurden alte Geschichten erzählt. Die großen gelben Hunde mit dem schwarzen Gesichtern lagen nicht weit entfernt und hoben von Zeit zu Zeit knurrend ihre Köpfe. Drei Wochen waren wir unterwegs mit den Hirten und besichtigten alte Ruinen auf dem Weg. Jetzt waren wir am östlichsten Rand der großen anatolischen Hochebene. In dieser Nacht gesellte sich zu uns ein bunter Hund, der ansonsten unseren glich und der sich offensichtlich für eine unserer gelben Hündinnen interessierte. Sofort rannten die Hirten zu diesem Hund und töteten ihm kurzerhand. Auf meine Frage für den Grund dieser Handlung antworteten mir die Hirten, dass nur die besten Rüden ihre wertvollen Hündinnen decken dürfen."

In der Literatur wurde der Kangal beispielsweise erwähnt von Evliya Celebi (1611-1681) in seinen Werken (Seyahatname - Reisebücher). Er nannte ihm Samsun = Löwe, wegen seines Aussehens. Celebi war Historiker, Musiker und Poet. Er beschrieb, wie sorgfältig sich die Hirten um die Verpaarung ihre Hündinnen kümmerten:

"Sie führten in doppelten Ketten riesige Rüden, so groß wie Esel und so wild wie Löwen. Die Hunde trugen reich verzierte Decken und silberne Stachelhalsbänder. Diese Hunde können es nicht nur mit jedem Wolf aufnehmen, die ihre Herde bedroht, sondern würden auch nicht vor einem Feuer spuckenden Drachen halt machen. Die Hirten achten mit äußerster Sorgfalt darauf, dass diese Hunderasse rein bleibt; sie würden ihre gesamtes Vermögen als Deckgeld für einen guten Rüden ausgeben."

In einigen Biographien wird erzählt, dass Mustafa Kemal - berühmt unter dem Namen Atatürk - in tiefe Depressionen verfiel, als er als Rebell verfemt und gejagt wurde. Er war so überwältigt vom Mut eines einsamen grauen Wolfes, der sich gegen einen ihm überlegenen Kangal wehrte, dass er sich entschloss, weiter zu kämpfen. Mit den Beinamen „Grauer Wolf“ ist er als Gründer der modernen Türkei in die Geschichte eingegangen.

Wie in vielen anderen Ländern war es der Adel, der sich um die Erhaltung einer reinrassigen Zucht bemühte. So auch die ottomanische Aristokratie des 18 Jh., wie die mächtige Familie Capanoglu in den Hochplateaus Anatoliens. Die adlige Familie Kangal, die seit Jahrhunderten gute Pferde, Schafe und Kangals hervorbrachte und -bringt, hielt vor ungefähr 60 Jahren den Rassestandard fest und gab dem bis dahin als Karabash bekannten Hund seinen eigenen Namen.

Fast alle Hirten in Anatolien bemühen sich, den Kangal rein zu züchten und scheuen dabei keine noch so große Entfernung, um einen passenden Zuchtpartner zu finden. Einige staatliche Kangalzuchtprogramme sind vor einigen Jahren in Ankara, Ulas, Kangal und Konya entstanden.

1965 bis 1968 wurden erste Kangal-Paare nach England und USA exportiert. Seitdem war der weltweite Verbreitung des Kangals nicht mehr aufzuhalten. Im Oktober 1996 fand in Konya das erste Internationale Symposium über den Türkischen Hirtenhund statt. Experten und Züchter aus der ganzen Welt waren dort anwesend - alle waren sich einig, dass in der Türkei mehrere Hirtenhunderassen existieren und der Kangal eine eigenständige Rasse ist.

Das erste große Kangal-Festival fand im Juni 1999 in Sivas statt. Es wurde ein riesiger Erfolg. Heutzutage genießt der Kangal in der Türkei einen geradezu kulthaften Status. Zwei Briefmarken und eine Münze wurden den Kangal gewidmet.